Vier Netze für Deutschland und ein veränderter Mobilfunkmarkt
Wer heute einen Mobilfunktarif sucht, entscheidet nicht mehr nur zwischen drei großen Netzbetreibern. Telekom, Vodafone und Telefónica Deutschland, bekannt vor allem durch die Marke o2, haben den Markt jahrelang geprägt. Mit 1&1 ist inzwischen ein vierter Anbieter hinzugekommen, der ein eigenes Mobilfunknetz aufbaut und damit die bisherige Marktstruktur verändert. Für Verbraucher ist das grundsätzlich eine gute Nachricht, denn mehr Infrastruktur und mehr Auswahl können den Wettbewerb bei Preisen, Datenvolumen und Service beleben.
Die entscheidende Frage lautet allerdings nicht allein, ob ein Tarif günstig ist. Relevant ist, welches Netz am Wohnort, auf dem täglichen Pendelweg und an häufig besuchten Orten tatsächlich funktioniert. 1&1 verbindet sein eigenes, noch wachsendes 5G-Netz mit nationalem Roaming über Vodafone. Deshalb müssen Kunden genau unterscheiden zwischen dem eigenen vierten Netz und der Netzversorgung, die über den Roaming-Partner bereitgestellt wird. Wer diese Kombination richtig einordnet und die regionale Abdeckung vor dem Vertragsabschluss prüft, kann eine wettbewerbsfähige Alternative finden.

Wie das vierte Netz mit Open RAN und National Roaming funktioniert
1&1 setzt beim Aufbau seines Netzes auf Open RAN. Die Abkürzung steht für Open Radio Access Network und beschreibt einen stärker softwarebasierten Ansatz für den Funkzugang. Während klassische Mobilfunknetze häufig aus eng miteinander verbundenen Komponenten weniger großer Hersteller bestehen, werden bei Open RAN standardisierte Schnittstellen und virtualisierte Netzfunktionen genutzt. 1&1 beschreibt seine Architektur als private Cloud, die sich über mehrere hundert Rechenzentren in Deutschland erstreckt.
Für den Alltag bedeutet das zunächst nicht automatisch schnelleres Internet an jedem Ort. Der mögliche Vorteil liegt in einer flexibleren Steuerung und darin, dass Netzfunktionen näher an den Nutzern betrieben werden können. 1&1 nutzt derzeit Frequenzen in den Bereichen 2100, 2600 und 3500 MHz. Diese Frequenzen eignen sich gut für hohe Datenraten, erreichen aber je nach Standort, Bebauung und Topografie nicht dieselbe Flächenwirkung wie niedrigere Frequenzbereiche. Der Ausbau konzentriert sich daher besonders auf Städte und dicht besiedelte Gebiete.
Wo die eigene 1&1-Infrastruktur noch nicht ausreicht, greift das nationale Roaming. Seit Ende August 2024 ist Vodafone der zentrale und exklusive Roaming-Partner von 1&1. Das Smartphone soll automatisch zwischen dem 1&1-Netz und dem Vodafone-Netz wechseln, wenn die jeweilige Versorgungssituation es erfordert. Für Kunden ist das wichtig, weil ein 1&1-Tarif nicht auf die aktuelle Reichweite eigener 1&1-Funkstandorte beschränkt bleibt.
- Eigenes 1&1-Netz: Es basiert auf Open RAN und wird schrittweise erweitert, zunächst mit einem Schwerpunkt auf Städten.
- National Roaming: Vodafone ergänzt die Versorgung dort, wo 1&1 noch keine ausreichende eigene Infrastruktur anbietet.
- Automatischer Netzwechsel: Das Endgerät soll die jeweils verfügbare Verbindung nutzen, ohne dass Kunden manuell ein anderes Netz auswählen müssen.
In der Praxis kann ein solcher Wechsel dennoch kurz spürbar sein. Beim Handover, also der Übergabe einer bestehenden Verbindung von einer Funkzelle oder einem Netz in ein anderes, können Datenübertragungen für einen Moment langsamer werden. Bei Telefonaten sollte der Wechsel möglichst unauffällig erfolgen, doch in schwierigen Funksituationen sind kurze Unterbrechungen nicht völlig auszuschließen. Die tatsächliche Erfahrung hängt auch vom Smartphone, seiner Software, der lokalen Zellenauslastung und der jeweiligen Gebäudesituation ab.
Der aktuelle Netzausbau und gesetzliche Rahmenbedingungen
Die offiziellen Zahlen zeigen, dass Deutschland insgesamt bei der mobilen Breitbandversorgung Fortschritte macht. Nach den im Herbst 2025 veröffentlichten Daten der Bundesnetzagentur erreichte 5G rund 95 Prozent der Fläche, während 4G oder 5G zusammen etwa 98 Prozent abdeckten. Die einzelnen Werte der etablierten Betreiber lagen dabei deutlich auseinander: Die Telekom kam auf ungefähr 87 Prozent 5G-Flächenabdeckung, Vodafone auf rund 75 Prozent und Telefónica auf etwa 76 Prozent. Im Juni 2026 wies das staatliche Monitoring für 4G rund 97,8 Prozent und für 5G, einschließlich verschiedener technischer Varianten, etwa 96,2 Prozent der Fläche aus.
Solche Flächenwerte sind eine wichtige Orientierung, aber kein Versprechen für jede Wohnung oder jede Zugstrecke. Die Karten modellieren die Versorgung im Freien auf einem Raster von 100 mal 100 Metern. In Gebäuden, Fahrzeugen und dicht belasteten Funkzellen kann die tatsächliche Leistung deutlich abweichen. Außerdem unterscheiden sich 5G und 5G Standalone technisch voneinander. Die Bundesnetzagentur validiert Betreiberangaben unter anderem mit Messungen, der Mobilfunk-Check-App und Daten aus Messwochen. Damit wird die Transparenz besser, dennoch bleibt der konkrete Standort entscheidend.
Der Ausbau des vierten Netzes befindet sich weiterhin in einer anderen Phase als der Ausbau der drei etablierten Betreiber. 1&1 gab auf dem Mobile World Congress 2026 an, rund 27 Prozent der deutschen Haushalte mit dem eigenen Netz zu erreichen. Für 2026 wurden je nach Verfügbarkeit zusätzlicher niedriger Frequenzen Szenarien von etwa 35 bis 40 Prozent Haushaltsabdeckung genannt. Diese Angaben beziehen sich auf Haushalte und sind daher nicht direkt mit einer vollständigen Flächenabdeckung gleichzusetzen.
Auch der Gesetzgeber versucht, Genehmigungen und Bauprozesse zu beschleunigen. Dabei soll das TKG-Änderungsgesetz 2026 den Ausbau von Funkmasten und Glasfaserzuleitungen für alle Betreiber spürbar entbürokratisieren. Der Entwurf greift europäische Vorgaben auf und sieht unter anderem vereinfachte Verfahren, Änderungen bei Gebäudenetzen sowie eine schnellere Umsetzung von Infrastrukturprojekten vor.
Für Verbraucher zählt dabei vor allem die praktische Wirkung. Weniger bürokratische Hürden können neue Standorte beschleunigen, beseitigen Funklöcher aber nicht über Nacht. Kommunen, Länder, Eigentümer und Netzbetreiber müssen weiterhin zusammenarbeiten. Die staatliche Erfassung von Versorgungslücken hilft, Ausbauprioritäten zu setzen. Wer an einem bestimmten Ort regelmäßig keinen Empfang hat, kann diese Erfahrung über die vorgesehenen Meldewege der Bundesnetzagentur dokumentieren.
Die vier Mobilfunknetze im direkten Vergleich
Die vier Anbieter unterscheiden sich nicht nur durch ihre Markennamen, sondern auch durch Ausbauphase, Flächenstärke und Preispositionierung. Die Telekom gilt bei der bundesweiten 5G-Reichweite als besonders stark. Vodafone verbindet eine eigene breite Infrastruktur mit der Rolle als Roaming-Partner für 1&1. Telefónica verfügt über ein etabliertes Netz und tritt häufig mit preislich offensiven Tarifen auf. 1&1 wiederum bringt ein neues Open-RAN-Netz in den Markt, dessen eigene Abdeckung noch wächst, das aber durch Vodafone ergänzt wird.
Wer die reale Versorgung am Wohnort oder auf dem Pendelweg prüfen möchte, findet im offiziellen Mobilfunk-Monitoring detaillierte Messwerte zu 4G- und 5G-Signalen aller Anbieter. Zusätzlich lohnt der Blick auf die Netzkarte des jeweiligen Tarifverkäufers. Wichtig ist, nicht allein auf ein allgemeines Testergebnis oder eine Werbeaussage zu vertrauen. Ein günstiger Tarif ist nur dann preiswert, wenn Geschwindigkeit und Erreichbarkeit im eigenen Alltag ausreichen.
| Netz | Infrastruktur und Versorgung | Typische Stärke | Worauf Kunden achten sollten |
|---|---|---|---|
| Telekom | Etabliertes eigenes Netz mit hoher 5G-Flächenabdeckung | Reichweite und Versorgung unterwegs | Tarifpreise und lokale Indoor-Versorgung prüfen |
| Vodafone | Etabliertes eigenes Netz, zusätzlich Roaming-Partner für 1&1 | Kombination aus Fläche, Städten und Netzkapazität | Auslastung und konkrete 5G-Verfügbarkeit vergleichen |
| o2 Telefónica | Etabliertes eigenes 4G- und 5G-Netz | Preis-Leistungs-Verhältnis und große Tarifauswahl | Versorgung an wichtigen Orten individuell testen |
| 1&1 | Eigenes Open-RAN-Netz mit Vodafone-Roaming | Wettbewerb, neue Technik und häufig attraktive Einstiegspreise | Eigenen Ausbau, Roaming und Vertragskosten über die gesamte Laufzeit prüfen |
Die Tabelle ersetzt keine persönliche Prüfung. Gerade bei 1&1 ist die Kombination aus eigenem Netz und Roaming ein zentraler Bestandteil des Angebots. Sie sorgt für eine deutlich breitere Nutzbarkeit, sagt aber nicht aus, dass an jedem Standort dieselbe Netzqualität wie bei einem Vertrag mit direktem Vodafone-Zugang entsteht. Je nach Tarif, Gerät und technischer Priorisierung können Unterschiede bei Geschwindigkeit oder Netzwechsel auftreten.
Für wen sich die Tarife im vierten Netz heute lohnen
Für Stadtbewohner kann ein 1&1-Tarif bereits heute interessant sein, wenn die wichtigsten Aufenthaltsorte in gut versorgten Gebieten liegen. Dazu gehören die eigene Wohnung, der Arbeitsplatz, die Hochschule und häufige Wege durch größere Städte. Preisbewusste Kunden erhalten dadurch Zugang zu einem neuen Anbieter, ohne zwingend auf eine grundlegende Erreichbarkeit verzichten zu müssen. Das gilt besonders dann, wenn der Tarif deutlich günstiger ist oder mehr Datenvolumen als vergleichbare Angebote der etablierten Netze enthält.
Auch Vielsurfer sollten genauer hinsehen. Ein hohes Datenvolumen ist attraktiv für Videostreaming, Navigation, Hotspot-Nutzung und mobiles Arbeiten. Entscheidend ist jedoch, ob die Funkzelle an den relevanten Orten ausreichend Kapazität bietet. Pendler durch ländliche Regionen, Nutzer in Gebäuden mit schwieriger Dämmung und Menschen, die regelmäßig auf Autobahnen oder Bahnstrecken unterwegs sind, sollten die Karten besonders sorgfältig prüfen. National Roaming verbessert die Ausgangslage, ersetzt aber keine individuelle Kontrolle der konkreten Route.
Vor einem Abschluss helfen einige praktische Kriterien. Prüfen Sie, ob das Smartphone die benötigten 4G- und 5G-Bänder unterstützt, ob eine eSIM gewünscht ist und welche Bedingungen für den Anbieterwechsel gelten. Ebenso wichtig sind die Gesamtkosten nach dem Aktionszeitraum, mögliche Preisänderungen, Anschlusskosten, Mindestlaufzeit und Datenautomatik. Ein 24-Monats-Vertrag mit niedrigem Einstiegspreis kann über die gesamte Laufzeit teurer sein als ein monatlich kündbarer Tarif mit etwas höherem Grundpreis.
- Orte festlegen: Notieren Sie Wohnort, Arbeitsplatz, Schule, typische Pendelstrecke und regelmäßige Reiseziele.
- Abdeckung vergleichen: Prüfen Sie diese Punkte in der Netzkarte von 1&1 und im offiziellen Monitoring für 4G, 5G und mögliche Versorgungslücken.
- Tarif vollständig berechnen: Addieren Sie Grundgebühren, Bereitstellungskosten, Gerätepreis und alle Preisstufen nach dem Aktionszeitraum.
- Technik kontrollieren: Achten Sie auf eSIM-Unterstützung, 5G-Fähigkeit, VoLTE und die Kompatibilität des eigenen Smartphones.
- Rückfalloption nutzen: Falls der Anbieter eine Test- oder Widerrufsmöglichkeit anbietet, sollte die Verbindung in den ersten Tagen gezielt an allen wichtigen Orten getestet werden.
Für Familien und Wenignutzer kann außerdem die Vertragsverwaltung wichtiger sein als die maximale Datenrate. Mehrere SIM-Karten, flexible Zusatzkarten und transparente Kosten erleichtern die Entscheidung. Senioren oder Nutzer, die vor allem telefonieren, sollten auf zuverlässige 4G-Abdeckung und verständliche Vertragsbedingungen achten, nicht ausschließlich auf das 5G-Logo. Ein Tarif mit weniger Datenvolumen kann hier die bessere Wahl sein, wenn er dauerhaft übersichtlich und bezahlbar bleibt.
So treffen Sie die richtige Entscheidung für Ihren Mobilfunkalltag
Das vierte Mobilfunknetz erweitert den Wettbewerb in Deutschland und bringt mit Open RAN einen technisch anderen Ausbauansatz in den Markt. Der größte praktische Vorteil für Kunden liegt derzeit in der Verbindung aus eigenem 1&1-Netz und nationalem Vodafone-Roaming. Dadurch kann ein Tarif auch dort nutzbar sein, wo 1&1 selbst noch keine dichte Infrastruktur aufgebaut hat. Gleichzeitig bleibt der eigene Netzausbau ein Prozess, der regional unterschiedlich weit fortgeschritten ist.
- Prüfen Sie zuerst die Netzversorgung an den Orten, an denen Sie das Smartphone tatsächlich nutzen.
- Vergleichen Sie nicht nur den Aktionspreis, sondern die Gesamtkosten über die gesamte Vertragslaufzeit.
- Bewerten Sie Datenvolumen, eSIM, Gerätekompatibilität und Kündigungsbedingungen gemeinsam.
- Beziehen Sie Roaming als Absicherung ein, erwarten Sie aber nicht an jedem Ort dieselbe Leistung wie in einem etablierten Direktnetz.
Wer diese Punkte berücksichtigt, muss nicht pauschal zwischen „neuem“ und „altem“ Netz entscheiden. Für viele Stadtbewohner und preisbewusste Nutzer kann 1&1 bereits eine alltagstaugliche Alternative sein. Wer dagegen regelmäßig in schlecht versorgten Regionen unterwegs ist, sollte die regionale Abdeckung besonders streng testen und gegebenenfalls ein Netz mit nachweislich besserer Versorgung auf der eigenen Strecke wählen. Der nächste Tarifwechsel wird damit weniger zur Glaubensfrage und mehr zu einer nachvollziehbaren Entscheidung auf Basis von Standort, Nutzung und Gesamtkosten.